SALZBURGER NACHRICHTEN 18th February 1993
Kraft aus der Synthese von Intellekt und Musikantentum
Salzburg: Der Cellist Julian Lloyd Webber Im Mozarteum
Gabriel Faures Elegie in c-Moll, op 24, – Ist das wirklich eine von jenen samtenen Musikschöpfungen, die zu nichts anderem gut sind, als daß sich ein Cellist mit Ihrer Hilfe zielstrebig Ins Herz seiner Zuhörer hinelnschmelchelt? Julian Lloyd Webber Ist ein erzmusikantischer Cellist, und ?jarum hat er diesem Stück nichts von seinem sentimentalen melodischen Reiz Benommen. Aber er Ist auch und vor allem ein hochintelligenter Cellist; einrr, der sich keineswegs mit einem sonoren Singsang die Bindebögen entlang zufrieden gibt. Er hält Faures Elegie eher im Mezzoforte und zeltweise in ganz Innigen Piano-Tö- nen, läßt den Schmelz also nur in kleiner Dosis zu. Und gerade deshalb bildet er mit seinem Cello kein akustisches Bollwerk zum Klavier hin, sondern lenkt das Interesse der Zuhörer hin zum Kollegen an den Tasten. Der Pianist bekommt so die Möglichkeit, ein wichtiges Stück Faure-VeretändnIs mitzuteilen: Faures harmonische Welten »ind »ehr genau geplante, vorimpressionistische Klangmalereien. Folgerichtig hat John Lenehan am Flügel der feinen Stimmung In den Akkorden nachhören können.
Es war eine durch und durch anregen- de Begegnung mit Violoncello-Literatur «us einem eher engen Zeitraum, zwischen 1880 und 1961.Sergej Rachmanlnow befrleolgte mit der g Moll Sonate, op. 19, durchaus Erwartungen’an Virtuosität und Schwärmerei. Benjamln Britten wollte mit seiner ?Sonata in C” (op. 65) wohl zeigen, daß das Schwelgen In den Melodien auch nach zwei Dezennien der Vorherrschaft serieller Kompositionswelsen seine Berechtigung hat, wenn es nur formal, strukturell gut abgesichert Ist.
Brittens Werk ist In dieser Hinsicht fürwahr gut »bgesichert. Und Uoyd Webber hat mit der ihm eigenen Kraft zur Synthese von Intellekt und Musikantentum ein bravourös aufgeschlüsseltes Bild von dieser Musik nachgezeichnet. Diese Etnton-Motive am Beginn, die so subtil In ihren Bewegungs- und Lautstärke-Werten verknüpft warenl Wieder hatte John Lenehan großen Anteil am stimmigen Ganzen, denn Brittens «So- nata” Ist nicht nur tm explizit so benannten ,Dialoge” ein eminent zwie-ge- sprachiges Werk. Der Londoner Pianist hat die Gabe, auch dichte Akkordpassagen mit beneidenswerter Klarheit und Schlankheit umzusetzen. Und er trifft mit schlafwandlerischer Sicherheit jeweils genau die dynimlsche Balance.
Der Abend war b-imerkenswert auch und gerade wegen der Übereinstim- mung zwischen dem Cellisten und sei- nem Begleiter.
Reinhard KriechtMum

